Josef Šíma. Zwischenwelten
Josef Šíma (1891–1971) kehrt nach fast sechzig Jahren in die Ausstellungsräume der Westböhmischen Galerie zurück. Ein Verweis auf seine erste Ausstellung sind in der aktuellen Schau die Entwürfe für Glasfenster aus den sechziger Jahren, die zugleich eine Art zeitliche Verbindung zu den Anfängen des Malers in Frankreich darstellen. Damals befand er sich in einer anderen Welt, und sein Schaffen begann auf neue visuelle und gedankliche Impulse zu reagieren. Šíma schloss sich jedoch keinem der damals dominanten Strömungen an – er überschritt sie stets auf seine eigene Weise. Ungehemmt verband er Avantgarde mit Tradition, formale künstlerische Experimente mit literarischen Bezügen oder philosophischen Gedanken, die konkrete Sicht der Dinge mit universellen Fragen, ernste Kunst mit Banalität und Humor.
Der Titel der Ausstellung – „Zwischenwelten“ – verweist daher auf die Begegnungen und Durchdringungen verschiedener Bereiche in Šímas Werk: Vor allem veränderten die Impulse der internationalen Kunstszene in Paris (insbesondere Max Ernst, Piet Mondrian, Giorgio de Chirico, Georges Ribemont-Dessaignes, Pierre Jean Jouve) die Bildsprache des Malers; hinzu kamen dadaistische Einflüsse, verbunden mit populärer Kultur, und vor allem Exkurse in die Welt der Poesie. Diese wurden nicht nur durch inspirierende Freundschaften mit Dichtern unterstützt, sondern auch durch theoretische Überlegungen zur Struktur der poetischen Sprache, über die Šíma bei seinen Besuchen in Prag mit dem Linguisten Roman Jakobson sprach. Jakobsons detaillierte Analysen der Sprache der Poesie und die Untersuchung wechselseitiger Beziehungen, insbesondere die Deutung scheinbar unlogischer Verbindungen und die Schichtung von Bedeutungen, konnten sich so unmittelbar in der Struktur von Šímas Gemälden widerspiegeln. Darüber hinaus boten sie, wie die Ausstellungspublikation zeigt, eine verlockende Möglichkeit anderer Wege bei der Betrachtung, dem Vergleich und der Interpretation von Šímas Werken.
Neben wichtigen Gemälden und Zeichnungen von Šíma erinnert die Ausstellung in einem dialogischen Kontext auch an weitere Persönlichkeiten der damaligen tschechischen und internationalen Kunstszene (darunter Jindřich Štyrský, Jan Zrzavý, František Kupka, Max Ernst, Giorgio de Chirico).
Die Ausstellungskonzeption stammt von Alena Pomajzlová, die am Seminar für Kunstgeschichte der Masaryk-Universität lehrt und sich mit der tschechischen Moderne und ihren Beziehungen zur ausländischen Kunst beschäftigt. An der Vorbereitung der Ausstellung wirkten außerdem mit: der Direktor der Westböhmischen Galerie in Pilsen Roman Musil, Markéta Theinhardt von der Pariser Sorbonne, die sich dem tschechischen und französischen Kunstschaffen widmet und in der Vergangenheit insbesondere das Werk von František Kupka bearbeitet hat, sowie Tomáš Glanc von der Universität Zürich, der die Zusammenhänge mit den Analysen der Poesie Roman Jakobsons beleuchtete.