Neuklassizismus zwischen der Technik und Schönheit. Pietro Nobile (1776–1854)

20/11/2019 bis 09/02/2020
Ausstellungssaal „13“
Autor: 
Taťána Petrasová
Kurátor: 
Petr Jindra

Es handelt sich um die erste Ausstellung, die sich diesem Architekten, Direktor der Schule der Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien widmet.

Es ist nicht einfach den Architekten Pietro Nobile, eine bedeutende Persönlichkeit des europäischen Neuklassizismus, eindeutig einzuordnen. Der Gebürtige aus dem italienischsprachigen Schweizerkanton  Ticino, der sich am Wiener Hof mit Aufträgen für den Kanzler Metternich durchsetzte, gehörte zu den Nachfolgern der berühmten Generation der Architekten Ledoux und Boullé, deren Ideen er in den Jahren 1800–1806 an der Akademie St. Luca in Rom weiterentwickelte. Das Interesse an der Architektur der „feindlichen Doktrin“, wie Nobile seine  von den Franzosen beeinflusste Ausbildung bezeichnete, trat allmählich durch den Aufbau der neuen kulturellen Metropole in München in den Hintergrund. Nobiles Reise nach München auf Kosten des Kanzlers Metternich im Jahre 1835 deutet die neuen Möglichkeiten des Neuklassizismus sowie die Anfänge des Historismus an. Nobiles Herangehensweise zum neugotischen oder neuromanischen, in der damaligen Terminologie zum „byzantinischen“ Stil, wird in seinen Entwürfen der Rekonstruierung des Altstädter Rathauses oder des Doms in Gran offensichtlich.

Im Namen der Ausstellung wird auf Nobiles Reform der Schule der Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien in den Jahren 1818–1828 hingewiesen. Die Reform stärkte die Stellung der Akademie gegenüber der Polytechnik, deren Schüler den akademischen Unterricht absolvieren mussten. Die Anerkennung der Nobiles Reform wurde durch die erste architektonische Ausstellung der Werke der Schüler seiner Klasse im Jahre 1828 bestätigt. Seine österreichischen Schüler (Roesner, van der Nül, Siccardsburg, Förster) sowie seine tschechischen Schüler (Kranner, Barvitius) bestätigen die Fähigkeit, den Überblick sowie die Aufgeschlossenheit hinsichtlich der neuesten architektonischen Trends der letzten Jahre der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu bewahren. Zugleich äußerte Nobile mit der Pflege der bildenden Ausbildung der Ingenieure aus der Technik die Fähigkeit, sich mit den technischen Aufgaben in der eigenen Praxis (Brücken, Leuchttürme) zu beschäftigen. Für die Bauten in Böhmen nutzte er auch die serienmäßig hergestellten Prototypen der architektonischen Gusseisenelemente, und zwar nicht nur in Wirtschaftsgebäuden, sondern auch im sakralen Raum.

Die Ausstellung besteht aus mehreren Themenbereichen: Nobile und französische sogenannte Revolutionsarchitektur, neuklassizistische Doktrin und ihre Umsetzung (Projekt der Wiener Hofburg, die Wiener Villa am Rennweg, Königswart, Prager St.-Prokops-Tor, Kirche St. Antonio in Triest), Neugotik und Frühhistorismus (Altstädter Rathaus in Prag,  Gewächshaus in Hietzing, Dom in Gran) und Nobiles Konkurrenten und Schüler.

Es handelt sich um die erste Ausstellung, die sich diesem Architekten, Direktor der Schule der Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien widmet. Wegen der Zerstreuung der Fonds, die sich heute in Wien, Triest, Bellizona, Prag sowie in Königswart befinden, war bisher nicht möglich, diesen bedeutenden Architekten und Lehrer komplex vorzustellen. Die Westböhmische Galerie bringt wieder den neuen Blick auf das Geschehen in der europäischen Architektur, dessen Teil sich zufälligerweise in Westöhmen abspielte.