Gottfried Lindauer (1839–1926). Pilsner Maler der neuseeländischen Maori

06/05/2015 bis 20/09/2015
Ausstellungssaal Masné krámy
Autor: 
Aleš Filip, Roman Musil
Kurátor: 
Eva Reitspiesová, Petra Kočová

Diese Ausstellung, die wir im Rahmen des Projektes Pilsen – Kulturhauptstadt Europas 2015 vorbereitet haben, ist die einzigartige Möglichkeit, das Leben und Werk dieses außergewöhnlichen gebürtigen Pilseners, der am anderen Ende der Welt berühmt wurde, wieder zu entdecken.

Der Hauptpartner des Projektes ist Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki, Leihgeber der meisten ausgestellten Werke.

Gottfried Lindauer ist ein Autor mit dem bemerkenswerten Lebensschicksal, der allerdings immer noch auf eine vollwertige Anerkennung seines Werkes wartet, denn bis jetzt wurden ihm weder eine zusammenfassende retrospektive Ausstellung noch eine Publikation gewidmet. Während er in Tschechien immer nur einer engen, sich vor allem an die Kunst des 19. Jahrhunderts spezialisierenden Gruppe von Fachleuten bekannt ist, in Neuseeland, wohin er im Jahre 1874 von Pilsen aus auswanderte,  werden seine Gemälde der Maori-Ureinwohner für den Bestandteil des nationalen Kulturerbes gehalten und Lindauer selbst gehört hier zu den populärsten Malern der Kolonialära. Sein Werk ist zwischen Mitteleuropa (im Hinblick auf Lindauers Wiener Schulung und Tätigkeit in Österreich, Galizien und böhmischen Ländern vor allem in Mähren und Pilsen) und Neuseeland zerstreut. Dorthin ist sein Werk vor allem in zwei zahlreiche Kollektionen angesammelt, in Auckland Art Gallery und im Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa in Wellington, seine dortigen  Lebensperipetien sind auch relativ gut erläutert, was man über seine Tätigkeit in Mitteleuropa leider nicht sagen kann.

In der Tschechischen Republik ist sein Werk nur mit einigen seltenen Beispielen belegt, vor allem in der römisch-katholischen Pfarrei in Valašské Klobouky, im Westböhmischen Museum in Pilsen und im Nationalmuseum, resp. im Náprstek-Museum für asiatische, afrikanische und amerikanische Kulturen. Von Neuseeland aus, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1926 lebte, unterhielt Lindauer zahlreiche Kontakte mit dem tschechischen Milieu und schickte gelegentlich vor allem dem Náprstek-Museum in Prag einige, sich zum Leben der eingeborenen Maori beziehende Gegenstände. Im Jahr  1907 sandte er Vojta Náprsteks Gattin zwei Gemälde, das Porträt des Häuptlings Harawira te Mahikai und das Porträt der Mrs. Háromi. 

Gemälde aus den Ländern der Böhmischen Krone
Gottfried Lindauers frühes Schaffen mit christlichen Themen fällt in die Kategorie der späten nazarenischen Kunst. Der junge Maler bildete sich in Wien bei den Hauptvertretern dieser Gattung Josef Führich und Leopold Kupelwieser aus, noch wichtiger für ihn war jedoch die Praxis in der großen Malerwerkstatt von Carl Hemerlein, für die er im Jahre 1857 schon als Achtzehnjähriger arbeitete. Diese Werkstatt wurde im Laufe der Jahre 1857-1864 von der Römisch-katholischen Pfarrei in Valašské Klobouky beauftragt, die malerische Verzierung der Pfarrkirche und der neu aufgebauten Wallfahrtskapelle Zu den Heiligen Kyrill und Method zu realisieren. Lindauers Anteil an der Tätigkeit der Werkstatt war ziemlich deutlich, aber nicht bestimmend. Um das Jahr 1870 überwiegte bei ihm die Spezialisierung auf die Porträtmalerei. Vielleicht zu dieser Zeit gründete er ein Porträtatelier in seiner Heimatstadt. Bei den Bildnissen der damaligen Pilsner Bürger gelang es ihm bald, zweierlei Effekt zu erreichen: Lebendigkeit des Ausdrucks und Würde zugleich. Dies wurde auch für Lindauers Porträtkunst in Neuseeland typisch, wo er ohne größere Veränderungen auf seine Pilsner Porträts konzeptuell anknüpfte. Die Ausgangsinspiration fand er im Bildnis des Biedermeier und in der zeitgenössischen realistischen Malerei.

Kontakte zwischen Neuseeland und Böhmen
Nach der Auswanderung nach Neuseeland unterhielt er Briefverkehr mit seiner alten Heimat und besuchte sie dreimal. Zu seinen böhmischen Freunden zählen Václav Frič, Geschäftsmann und Naturforscher, Vojtěch und Josefa Náprstek, Gründer des ethnographischen Museums und Josef Kořenský, Reisender. Lindauer widmete zwei Maori-Porträts in die Sammlungen des Náprstek-Museums. Diese Porträts werden da zusammen mit der Autorenfassung des Gemäldes Heeni Hirini mit Kind, das ursprünglich Václav Frič gehörte, ausgestellt, weiter dann mit den das maorische Kunsthandwerk darstellenden Gegenständen, die ebenfalls dank Lindauer gewonnen wurden, sowie auch mit Fotografien und Zeichnungen, mit denen sich der Künstler bemühte, seinen böhmischen Verwandten und Freunden die Welt der „ Antipoden“ nahezubringen.

Fünfzig Gemälde aus Neuseeland
Als Porträtmaler erreichte Gottfried Lindauer in Neuseeland erhebliche Erfolge. Er malte Hunderte von Bildnissen der weißen Einwohner dieses Insellandes, aber hauptsächlich eine ziemlich vollständige Reihe der Porträts von bedeutenden Maori. Bei der Anstrengung, dieses Ethnikum, dessen Einfluss damals sehr abgeschwächt war, auf den Gemälden aufzunehmen, spielten Malers Besteller und Freunde eine bedeutende Rolle, namentlich Henry Partidge, Geschäftsmann und Walter Buller, Jurist und Ornithologe. Lindauer malte für sie nicht nur die Porträts, die die Gemäldechronik der Maori-Stämme in der Kolonialzeit Neuseelands bilden, sondern auch die Genreszenen aus dem traditionellen Leben der Maori auf dem Lande. Der Maler wurde hiermit zum Ethnographen, der die Gestalt einer sich verlierenden Welt festhält, oft mit Hilfe der Fotografien. Die Fotografien waren für die Porträts der schon verstorbenen Personen notwendig, aber Lindauer nutzte sie auch für die Abbildungen seiner Zeitgenossen aus. Die Aufnahmen auf den Glasplatten projizierte er mit einem speziellen Gerät auf die Leinwand, wo er die Hauptpunkte anzeichnete, um die Gesichtszüge und die genaue Gestalt der Gesichtstätowierung, maorisch als moko bezeichnet, treu festzuhalten. Lindauer selbst schrieb darüber: „Die Maori sind höchst empfindlich auf regelmäßige to moko, sie korrigieren mich, wenn ich male, also ich habe to moko gründlich studiert. Ja, nun mache ich keine Fehler mehr und sie wundern sich jeweils, wie es möglich ist, dass dieser Pakeha (es bedeutet Europäer) to moko so gut malen kann.“  Er betonte, dass jede Persönlichkeit ihre einzigartige Tätowierung hat und jede ihrer geritzten Linien über ihre eigene symbolische Bedeutung verfügt.  Bei den Maori riefen Lindauers Porträts von ihren religiös verehrten Ahnen eine sehr lebendige Reaktion hervor, sie verstanden die Gemälde als Medium für die Kommunikation mit den Verstorbenen und bestellten sie selbst bei ihm. Bis heute bewahren sie die Gemälde wegen der treuen Darstellung ihrer Ahnen in tiefster Verehrung.
Henry Partridge schenkte seine Sammlung von Lindauers Gemälden im Jahre 1915 der Art Gallery in Auckland (Toi o Tāmaki). Diese Galerie und Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa in Wellington verliehen für unsere Ausstellung fünfzig Gemälde.

Das Projekt wurde von der Gesellschaft Pilsen 2015 – Kulturhauptstadt Europas unterstützt.

Kommentierte Besichtigung in Deutsch: 14. Juli und 9. August um 17:00.

Kommentierte Besichtigung in Englisch: 12. Juli und 23. August um 17:00.

Gruppenbesichtigungen - Reservationen:
Lenka Kolářová, +420 377 908 523, info@zpc-galerie.cz

Ausstellungskonzept: Roman Musil (Westböhmische Galerie) und Aleš Filip (Masaryk Universität, Brünn)
Kuratorin: Eva Reitspiesová und Petra Kočová
Grafische Lösung: Robert V. Novák
Architektonische Lösung: Zbyněk Baladrán

AUSSTELLUNGSKATALOG

Tschechische und Englische Editionen

Texte von:
Leonard Bell (University of Auckland, New Zeland)
Lada Vacková-Hubatová (Die Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag)
Ngahiraka Mason (Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki)
Milan Kreuzzieger (Zentrum für globale Studien in Prag)
Tomáš Winter (Institut für Kunstgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik)

Preis in der Galerie: 950 CZK

Erhältlich in der Galerie und in dem e-shop der Westböhmische Galerie.

Die Werke für die Ausstellung liehen:
Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki, Neuseeland
Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa, Wellington, Neuseeland
Nationalmuseum – Náprstek Museum der asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Kultur, Prag
Westböhmisches Museum in Pilsen
Römisch katholisch Parochie Valašské Klobouky

Die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernahmen der Botschafter von Neuseeland Rodney Harris, der Kulturminister Daniel Herman, der Hauptmann der Region Pilsen Václav Šlajs und der Pilsner Oberbürgermeister Martin Zrzavecký.

Die Ausstellung wurde in der Zusammenarbeit mit Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki und mit finanzieller Unterstützung der Gesellschaft Pilsen 2015, des Kulturministeriums der Tschechischen Republik, der Region Pilsen, der Statutarstadt Pilsen, der Stiftung 700 Jahre Stadt Pilsen und Lučební závody Draslovka, a.s. Kolín veranstaltet.

Geoöffnet täglich ausser Montag von 10:00 bis 18:00, am Mittwoch und Samstag bis 20:00.

Texte der Ausstellung